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Aberglaube und Magie, Drudensteine und "Polla"

Schweißgebadet und nach Luft ringend erwacht der Schläfer. Allmählich lässt das beklemmende Gefühl in der Brust nach und mit ihm die quälende Angst. Der Albdruck hat ein Ende... Für so manchen Oberdorfer vergangener Zeiten wäre der hier geschilderte Fall klar: In der Nacht hatte ihn eine Drude heimgesucht. Eine Drude, das war ein Druckgeist, der sich nachts auf die Brust von Kindern und Erwachsenen setzt und dadurch Albträume, Beklemmungen und Atemnot auslöst. „Die Truden (Druden) sind alle in einem gewissen Zeichen geboren. Dadurch ist es ihnen auferlegt, dass sie des nachts Menschen oder Tiere drücken müssen. Sie vermögen sich bei diesem unheimlichen Geschäft ganz klein zu machen und können, wenn es sein muss, sogar durch ein Schlüsselloch eindringen. Die Truden müssen so lange drücken gehen, bis sie irgendein lebendiges Wesen totgedrückt haben, was sie aber nicht aus freien Stücken, sondern nur mit Erlaubnis des Eigentümers tun dürfen“, heißt es dazu in den „Allgäuer Sagen“, die von Dr. Alfred Weitnauer und Hermann Endrös 1966 veröffentlicht wurden.

 

An dieser Stelle muss klargestellt werden, dass die Allgäuer und auch die Oberdorfer grundsätzlich aufrechte Katholiken waren. Angesichts der vielen Widrigkeiten, die ihnen drohten, versuchten aber einige von ihnen zusätzlich, durch Amulette oder amulettähnliche Dinge ihr Schicksal positiv zu beeinflussen. Dabei war die Grenze zum Aberglauben und zur Magie fließend. So lässt sich auch der Glaube an Druden und an die vermeintlichen Gegenmittel erklären. Für Marktoberdorf und Umgebung sind folgende „Drudensagen“ überliefert: Im Februar 1863 schilderte die Näherin Kreszenz Huber von Oberdorf dem Landrichter Fischer: „Die Druden drücken den neugeborenen Kindern öfters „Polla“ auf die Brust, wodurch dieselben im Atmen gehindert werden und Gefahr laufen, zu ersticken.“ Der 62-jährige Söldner Franz Bischof von Bernbach gestand ihm am 23.12.1873, dass er einen solchen Stein besitze, tat die Sache jedoch als Aberglauben ab. Auch der Oberdorfer Hermann Leser erzählte dem Landrichter von den Druden. Am 23.2.1874 notierte Fischer: „Die Druden drücken nicht bloß neugeborene Kinder, sondern auch Erwachsene von jedem Alter. Wenn man von einer Drude heimgesucht worden ist, kann man dieselbe entdecken, wenn man eine Feder von seinem Bett oder einen Halm von seinem Strohsack verbrennt; dadurch wird zugleich auch die Drude der Art gebrannt und im Gesichte und dergleichen vom Feuer zugerichtet, dass sie gar nicht mehr unter die Leute gehen kann.“ Auch als Herbert Eigler in den 1970er Jahren Material für sein Bändchen „Sagen aus dem Oberdorfer Land“ sammelte, war der Glaube an Druden noch nicht vergessen. Er zitiert einen Marktoberdorfer: „Ja i weiß scho, do sind manche Leit druckt woare in dr Nacht, wie dr Schmied z’Geisehofe, dean hosch doch kennt, der hot o allat gseht, mi druckt in dr Nacht d’Drut. Ja, ja, der hot die schwarze Magie so globt. Mit deam hau i öfters gredt. In dr Nacht hot’n dia derart druckt, dass ar glei gschwitzt hot. Des hot ar mir verzellt, so allgemein hot ar des it vrzellt. Des hot mei Bruadr o ghätt.“

 

 

Wem die Sache mit der verbrannten Bettfeder oder dem verbrannten Strohhalm aus seinem Bett zu riskant war, der bediente sich zur Abwehr der Drude eines Drudensteins. Vier dieser Drudensteine sind in unserem Stadtmuseum im Raum 114 ausgestellt und sie sind die Lieblingsstücke von Siegfried Laferton, der den ersten Teil der Fischeriana-Schriften mit der Sagensammlung des Landrichters Fischer aufbereitet und als Buch herausgegeben hat. Schon 1995 hatte er in einer Zeitungsserie geschrieben, dass nicht jeder beliebige Stein das Zeug zu einem Drudenstein hatte. Zwar spielten die Art des Gesteins und die Größe keine Rolle; wesentlich war jedoch, dass er ein natürlich entstandenes Loch aufwies. Die Lage des Lochs war dabei unwichtig. In der Regel handelte es sich bei Drudensteinen um Flussgeschiebesteine aus verschieden harten Bestandteilen, von denen der weichere durch die Kraft des Wassers ausgespült wurde. Allein so ein durch Wasserkraft entstandenes Loch verlieh dem Stein seine schützende und abwehrende Kraft. Als Karl Reiser vor der letzten Jahrhundertwende Material für sein großes Brauch- und Sagenwerk sammelte, erfuhr er auch, wo diese Drudensteine bezogen werden konnten: „Um Oberdorf etc. hatten früher alte Hebammen solche Steine in Vorrat, die sie nach Bedarf verliehen.“

Die vier Drudensteine im Museum zeigen, dass die Hintergründe mit den „magischen“ Objekten nicht unbedingt mitüberliefert wurden. Nur der größte der Drudensteine mit den groben Maßen 10,5 x 8 cm hat mit Sicherheit natürlich entstandene Löcher, die nach dem Volksglauben allein seine Schutzwirkung garantierten. Die drei weiteren Steine sind klein und konnten leicht an einem Band um den Hals getragen werden.

 

 

Zumindest von einem dieser kleinen Drudensteine kann angenommen werden, dass er durchbohrt wurde und so eigentlich wirkungslos war. Aber der Glaube – und auch der Aberglaube – versetzen bekanntlich Berge und die Besitzerin / der Besitzer wird wohl daran geglaubt haben.

 

Marktoberdorf, 24.10.2022

 

Kornelia Hieber

 

Heimatverein Marktoberdorf

 

Literatur:

 

Reiser, Karl: Sagen, Gebräuche und Sprichwörter des Allgäus, Kempten 1895.

 

Weitnauer Alfred; Endrös Hermann: Allgäuer Sagen, Kempten 1966, S. 340-341.

 

Eigler, Herbert: Sagen aus dem Oberdorfer Land, Marktoberdorf 1978, S. 87.

 

Laferton, Siegfried: Der Drudenstein, in: Allgäuer Zeitung, 13.03.1995.

 

Laferton, Siegfried; Stadt Marktoberdorf (Hrsg.): Aus Fischers Sagenschatz, Fischeriana Edition I, Thalhofen an der Gennach 2018, S. 59.

 

Laferton, Siegfried; Stadt Marktoberdorf (Hrsg.): Fundus der Heimatgeschichte, Fischeriana Edition II, Thalhofen an der Gennach 2021, S. 217.

 

 

 

Mein herzlicher Dank gilt Siegfried Laferton, in dessen Arbeiten ich mich ausgiebig bedienen durfte.

 

 

 

 

 

 

 

 

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