Ein Hoigarte mit Emilie Eigler, das ist für Geschichtsfreunde aus Marktoberdorf nahezu ein Pflichttermin. Denn sie kann nicht nur wunderbar erzählen, sondern hat ihr ganzes Leben Ereignisse gesammelt und Gespräche mit Zeitzeugen geführt und aufgeschrieben. Dieses Mal lag ihr Schwerpunkt auf der Kriegs- und Nachkriegszeit. Nachfolgend einige Episoden daraus:

Schon bald nach der Machtergreifung 1933 wurden im Markt Oberdorf Straßen umbenannt:

- der Marktplatz in Adolf-Hitler-Platz,
- die Georg-Fischer-Straß in SA-Straße,
- die Füssener Straße in Mussolini-Straße,
- die Kurfürstenallee in Hindenburgallee.

1934 wurde der erste Maibaum auf der Jallwiese aufgestellt und ein großes Fest gefeiert.

Die Baufirma von Josef Schmid, dem Bruder des stellvertretenden Gauleiters Franz Schmid, errichtete ab 1936 am Sonnenbichl eine Siedlung aus standardisierten Einfamilienhäuschen. Die Bauherren mussten 1.000 Mark Eigenkapital aufbringen, selbst mitarbeiten (z.B. Keller ausschachten), und sich verpflichten, nach dem Einzug Gemüse anzubauen und Kleinvieh zu halten, um sich selbst versorgen zu können. So war es möglich, dass sich auch einfache Leute ein Haus leisten konnten.

Zu Kriegsbeginn war die Kirche gerade fertig renoviert, nur die Orgel fehlte noch. Das Material dafür hatten die Nazis für Kriegszwecke beschlagnahmt. Bei der Firma Rösle wurde für Kriegszwecke produziert. Von dort wurde „heimlich“ immer wieder Material abgezweigt und nach Ebenhofen in die Orgelbauwerkstatt geschafft. Endlich war die Orgel fertig und sollte eingeweiht werden. Der Organist Amann hatte den von ihm sehr geschätzten Organisten Pichler aus Augsburg für das Einweihungskonzert eingeladen. Dann kam heraus, dass der Jude war, und die Partei verbot seinen „Auftritt“. Amann wollte ihn aber unbedingt haben und holte ihn trotzdem. Das war sehr mutig von ihm, denn er widersetzte sich damit einer Parteivorgabe. Bald darauf wurde er trotz seiner starken Kurzsichtigkeit eingezogen und fiel in Ostpreußen.

Lebensmittelmarken gab es ab 1939 bis 1950. Die Nachkriegsjahre 1946/47 waren besonders schlimm. Beispielhaft hier eine Monatsration für 1 Person aus dieser Zeit:

-   8 kg Kartoffeln
-   2 kg Nährmittel (Nudeln)
- 10 kg Brot
- 500 g Fisch
- 400 g Fleisch
- 150 g Fett
-      1 l Magermilch
- 62,5 g Käse
    50 g Marmelade
-   25 g Kaffeeersatz

An Weihnachten gab es eine Sonderzuteilung von 1 Pfund Äpfeln und 6 Stearinkerzen. Lebensmittel konnten in dieser Hungerzeit nur eingekauft werden, wenn man die entsprechenden Lebensmittelmarken abgab. Wer Marken hatte, konnte freilich trotzdem nicht sicher sein, das Gewünschte zu bekommen. Wenn das entsprechende Lebensmittel nicht verfügbar war, dann halfen die ganzen Marken nichts und sie verfielen.

Das Schwarzmetzgern blühte und auch das Organisieren von Lebensmitteln. Alle machten das. Dabei galt das elfte Gebot „Du darfst dich nicht erwischen lassen“. Beim Erwischen drohten sehr harte Strafen.

Die erste Frau von Florian Ahr (ihm gehörte der Königsmetzger gegenüber vom Linderschmied) war zuständig für das Ausstellen von Bezugsscheinen für Lebensmittel. Sie hatte wohl für ihre Familie zusätzliche Scheine ausgestellt, und das kam heraus. Frau Ahr kam dafür ins KZ und wurde nach einigen Wochen todkrank wieder nach Hause gebracht. Sie konnte nichts mehr erzählen, am nächsten Tag starb sie.

1942 verlangte die NS-Partei von ihren Mitgliedern, dass sie ihre Kinder nicht mehr zur Erstkommunion schicken. Die Anzahl der Kommunionkinder ging dann stark zurück. 1943 wurde der Fronleichnamszug verboten.

An der Ecke Schützenstraße - Genoveva-Brenner-Weg steht ein Kreuz. Als die Straße 1943 verbreitert wurde, musste das Kreuz weg. Es kam zum Guggemoos-Schmied in der Schützenstraße zum Renovieren. Als die Bauarbeiten beendet waren, präsentierte der Polizist Karl Fromm ein Schreiben des Landratsamtes: Das Kreuz durfte nicht mehr aufgestellt werden. So wurde es wieder in die Schmiede transportiert. Zu der Zeit waren einige Soldaten, darunter auch der Sohn des Schmieds, auf Heimaturlaub da, die das Kreuz in einer Nacht- und Nebelaktion heimlich aufstellten. Die Partei stellte Ermittlungen an, aber die Soldaten waren schon wieder in Russland. Der Vorgesetzte des Schmiedesohns erhielt folgenden Brief aus Marktoberdorf: „Dieser Mann muss hart bestraft werden, denn er hat widerrechtlich ein Kreuz aufgestellt.“ Die Rückantwort: „Bei uns in Russland wird niemand bestraft, der ein Kreuz aufgestellt hat. Wir wären froh, wenn wir hier für jeden unserer gefallenen Kameraden ein Kreuz hätten.“

Am 25.2.1945 fielen 3 Bomben auf Markt Oberdorf, und zwar in dem südlichen Spitz zwischen Meichelbeck- und Bahnhofstraße. Menschen und Häuser kamen nicht zu Schaden, aber das Bahngleis nach Lechbruck wurde getroffen. Es handelte sich wohl um Restbomben, die auf dem Rückflug abgeworfen wurden.

Als die Amerikaner schon kurz vor Markt Oberdorf waren, stand im Bahnhof führerlos ein Munitionszug aus Kaufbeuren-Hart. Die Oberdorfer hatten Angst, er könnte beschossen werden und seine Explosion würde den halben Ort wegreißen. Herr Stockmeier vom Roten Kreuz hatte eine Draisine und mit der zog man den Zug in den Hochwieswald. Dort stand er jahrelang. Einige Buben holten sich immer wieder Handgranaten aus dem Zug und benutzten sie zum Fischen – eine willkommene Ergänzung des Speisezettels in der schlechten Zeit. Schließlich wurde er gezielt gesprengt. Das Holz im Hochwieswald war voller Splitter, so dass die Sägewerke der Umgebung es nicht annehmen wollten, weil es ihre Sägeblätter ruinierte. Es wird auch erzählt, dass in Oberdorf mehrere Öfen wegen Granatsplittern im Holz explodierten.

Kurz bevor die Amerikaner da waren, tauchte in der Kaufbeurer Straße eine Kolonne von KZ-Häftlingen aus dem Kaufbeurer Lager Riederloh mit ihren Bewachern auf. Die Bewacher verdrückten sich, die Häftlinge sahen zu, dass sie Land gewannen. Einige klopften beim Bauern Wohlfahrt in der Kaufbeurer Straße. Frau Eiglers Freundin Lotte Sepp leistete dort ihr Pflichtjahr ab. Sie erzählte ihr, wie erschrocken alle waren, als die verhungerten Gestalten in ihren Sträflingsanzügen auftauchten. Sie wollten nur essen und das durften sie dort. Dann zogen die meisten weiter, einige blieben jedoch in Oberdorf.

1945 kamen bereits viele Flüchtlinge aus Ostpreußen in den Ort. 1946, mit der organisierten Vertreibung, kam dann ein ganzer Zug voller Flüchtlinge (ca. 300) aus dem Sudetenland, vorwiegend aus dem Riesengebirge. Auch er wurde einfach im Bahnhof abgestellt. Aus den Viehwaggons kletterten die vielen, mitgenommenen Flüchtlinge mit ihrer dürftigen Habe. Sie kamen zum Teil im ehemaligen Arbeitsdienstlager auf der Jallwiese unter, zum Teil im Schloss, wo die Besatzungssoldaten abgezogen waren. Mitarbeiter des Landratsamtes beschlagnahmten Zimmer in Wohnhäusern für die Flüchtlinge. Sehr oft war das die selten gebrauchte gute Stube, in die dann eine ganze Familie einzog, dort schlief, lebte und kochte. Das war schlimm für die Bauernfamilien und natürlich auch für die Flüchtlingsfamilien. Als die Flüchtlinge zum Großteil auf Wohnhäuser verteilt waren, war Platz in den RAD-Baracken. Die ehemaligen Gablonzer Fabrikanten, die wieder produzieren wollten, bekamen sie dann als Produktionsstätten zugeteilt. Sie schafften Arbeit, Arbeitsplätze und vor allem auch Heimarbeitsplätze für die Frauen. Nur dadurch wurde es den Flüchtlingen ermöglicht, sich im Moos ein Häuschen zu bauen, das damals erschlossen wurde. Gablonzer Betriebe, die so anfingen, waren:

 

- Bloss

- Taschentuch Walter (bei Jall in der Schützenstraße)

- Camill Hübner

- Hübel & Schöler (Frau Hübel pflegte zu sagen: „Mein Mann fing im Scheißhaus an.“, weil ihm damals die Toilettenbaracke zugeteilt wurde.)

- Wünsche

- Kreibich

- Spiegel-Geißler

- Simm

1948 kamen die Kirchenglocken aus Hamburg zurück nach Marktoberdorf. Das Gießwerk dort, in welchem sie hätten eingeschmolzen werden sollen, war bombardiert worden. So waren die Glocken jahrelang in Hamburg gestanden. Wenn man in Oberdorf Glockengeläut gebraucht hatte, wurde ein Tonband abgespielt, aber das war nur ein trauriger Ersatz gewesen.

 

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